Was alle Menschen wissen sollten…

Sicher keine Hybrid-Tomate...

Sicher keine Hybrid-Tomate…

Hybrid-Auto, Hybrid-Baustoff, Hybrid-App, Hybrid-Kapital, Hybrid-Gemüsesorten. Grundsätzlich sind Hybride, also „Gebündeltes, Gekreuztes oder Gemischtes“ (wikipedia), ja keine schlechte Idee; Synergien können ausgenützt werden, die besten Eigenschaften vereint werden oder sich ergänzen. Aaaber: Im Gemüsebau (und in der Landwirtschaft allgemein) haben wir gegenüber „Hybriden“ so unsere Bedenken.

Hybrid-Sorten sind Pflanzen, die aus zwei Inzucht-Stammlinien gezüchtet werden, viel schnellen Ertrag bringen, aber nicht weitervermehrt werden können (oft mit „F1“ gekennzeichnet). Dazu kommt, dass das meiste Hybrid-Saatgut weltweit von wenigen großen, also besser gesagt riiiesigen Agrarkonzernen vertrieben wird (z.B. Monsanto, DuPont, Syngenta, Bayer, Pioneer,…).

(Nebenbei: Aktuell wollen diese Konzerne mit Hilfe der EU die Samen- und Ernährungsvielfalt auf ein überschaubares Maß eindämmen und patentieren, und ihre Macht auch noch per Gesetz in der zur Zeit diskutierten Erneuerung der “europäischen Saatgutverordnung” zementieren.)

Wenn das (von wenigen Firmen kontrollierte) Saatgut nicht weitervermehrt werden kann und viele Bauern und Bäuerinnen dieses Hybrid-Saatgut verwenden, geben sie sich und alle, für die sie erzeugen, in eine gefährliche Abhängigkeit. Denn stellt euch mal vor, was passiert, wenn immer mehr LandwirtInnen nur mehr Hybrid-Saatgut weniger Sorten verwenden? Die Agrarkonzerne können dann machen, was sie wollen. In unseren Augen gefährlicher als so manch andere in den Medien titulierte Gefahr…

Natürlich kann man hier nicht einfach die Verantwortung den Bauern und Bäuerinnen zuschieben. Auch bzw. vor allem KonsumentInnen können was tun. Schnellwachsende, ertragreiche Feldfrüchte sind natürlich billiger zu produzieren und der Preis ist nun für die meisten das Hauptaugenmerk beim Einkaufen. Den zukünftigen Generationen zuliebe sollten wir alle nicht nur auf den Preis schauen, sondern sooft wie möglich hinterfragen, wer wie wo mit was produziert und unsere Kaufentscheidung danach richten.

Diese Ernährungs-Souveränität ist nicht nur hierzulande, sondern weltweit in Gefahr. Lamine Biaye z.B. von der senegalesischen Vereinigung der Produzenten bäuerlichen Saatguts meint auf die Frage, was die größte Gefahr für die Bauern in seinem Land darstellt: „Wir kämpfen derzeit gegen zwei große Bedrohungen. Zum einen verlieren die Bauern Wissen über ihr Saatgut. […] Großkonzerne bringen die Gesellschaft aus dem Gleichgewicht. Sie ködern Kleinbauern mit Hybridsaatgut, so dass diese aufhören, ihre traditionellen Sorten anzubauen. Aber die Hybridsorten können die Bauern nicht selbst vermehren, sie müssen das Saatgut immer nachkaufen, die Pflanzen sind empfindlicher, benötigen viel Pestizide und Dünger und so ist das für die Bauern langfristig ein Minusgeschäft. Nur durch den Anbau lokaler und angepasster Sorten können Bauern unabhängig von großen Konzernen bleiben.

Zum anderen verlieren wir unser Land und damit unsere Lebensgrundlage. Ausländische Investoren kaufen Anbauflächen in Afrika – und unsere Regierungen lassen es zu. Ich frage mich, ob überhaupt noch genug Land für unsere Kinder da sein wird?“ (Zum Thema „Land grabbing“ ist die kürzlich prämierte Doku des Österreichers Hubert Sauper „We come as friends“ sehr empfehlenswert.)

Eine weitere Gefahr des Hybrid-Saatguts ist die Verarmung der genetischen Vielfalt. In den vergangenen hundert Jahren haben wir bereits weltweit etwa 75% der landwirtschaftlich genutzten Vielfalt verloren. Mit der Ausbreitung der Hybridsorten wird 10.000 Jahre altes Kulturgut ausgelöscht, das sich über lange Zeit bewährt hat. Und ein riesiges Potential an Obst-, Gemüse- und Getreidesorten wird verschenkt, um die Landwirtschaft an aktuelle bedrohliche Herausforderungen wie den Klimawandel, neue Krankheiten, Schädlinge und neue Lebensstile anzupassen. Weit besser für unser aller Ernährungssicherheit ist es, viele verschiedene Sorten zu haben, auf die man im Fall der Fälle zurückgreifen kann. Der Anbau vielfältiger Sorten streut auch das Risiko eines Ernteausfalls.

Was uns an Hybrid-Sorten weiters – im wahrsten Sinn des Wortes – nicht schmeckt, ist, dass diese Sorten meist einen weniger intensiven Geschmack haben (und laut Studien anscheinend auch weniger Vitamine und Mineralstoffe). Kein Wunder, wenn sie so schnell wachsen müssen…

Wir verzichten aus all diesen Gründen auf jegliche Hybrid-Samen und bedienen uns nur an wieder vermehrbaren, sogenannten „samenfesten Sorten“. Nachteil ist, dass unser Gemüse viel länger zum Wachsen braucht und heterogener ist (also nicht so einheitlich, wie ihr sicher schon oft bemerkt habt). Bei manchen Sorten wie z.B. Brokkoli und Karfiol ist es dann im Gegensatz zu Hybrid-Gemüse besonders schwierig, diese zum Verkauf (bzw. bei uns „zum Verteilen“) anzubauen, da sie sehr ungleichmäßig reif werden (über Wochen verteilt) und nur kleine Rosetten ausbilden (die aber dafür öfter beerntet werden können). Jetzt wisst ihr auch, warum es immer nur wenige und kleine Brokkoli- und Karfiol-Portionen gab und dieses Gemüse für uns eine besondere Herausforderung ist…

In der EU hat Hybrid-Gemüsesaatgut aber bereits einen Marktanteil von über 90%. Im Regelfall sind alle Gemüsesorten, die man so in einem 0815-Supermarkt findet (auch im Bio-Bereich), Hybridsorten… Wenn wir sie nicht mehr kaufen, wird es sie nicht mehr geben.

Weitere Infos: http://www.saatgutkampagne.org, http://www.vielfalterleben.info, http://www.arche-noah.at, http://www.freievielfalt.at

Samenfestes Saatgut gibt’s z.B. bei http://www.reinsaat.at, http://www.ochsenherz.at, http://www.dreschflegel.de, http://www.bingenheimer-saatgut.de, http://www.arche-noah.at.

Sicher keine hybriden Grüße,

Jonathan und Magdalena

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